29.01.2026 / Tom Lichtenthäler / Lesedauer: ca. 20 min

Im  Jahr 2000 findet die Weltausstellung (Expo 2000) in Hannover statt. Als Außenstelle wurde damals im Reaktorblock 6 eine Besucherroute eingerichtet, um Gästen den Zugang zum Inneren eines Atomreaktors zu ermöglichen. Hartmut Schindel, gelernter Maschinist für Kernkraft-Energie-Anlagen und langjähriger Schichtverantwortlicher, hat bereits über 5000 Gruppen durch die Besucherroute des Block 6 geführt und kennt Ihn wie seine eigene Westentasche. Wir haben Ihm einige Fragen zum Reaktorblock und den Führungen stellen können.

Ja, die Person geht in Rente, das stimmt. Aber der Block 6 nicht. Der bleibt stehen. […] Und der Block erzählt selbst aus seiner Geschichte.

– Hartmut Schindel

Das Interview wurde in Person geführt und für diesen Beitrag im Nachhinein verschriftlicht. Wir haben uns entschieden es in voller Länge wiederzugeben.

Eine Auswahl wichtiger Themen:
– Die Entscheidung zur Stilllegung und der damit verbundene Umbruch
Missverständnisse rund um KKW und Rückbau
Zukunft für den Reaktorblock 6

Herr Schindel, wie sind Sie zum Kernkraftwerk Lubmin gekommen?

Bei mir begann das 1976. Mit einer Lehre, das war damals der Maschinist für Kernenergieanlagen, das war der Ausbildungsberuf. In den 70er Jahren war die Kernenergie die Zukunftstechnologie, das darf man ja nicht vergessen, Ost wie West. Und wenn man etwas Neues aufbaut, braucht man natürlich Leute die das aufbauen bzw. betreiben. Und es wurde hier im Norden sehr viel Werbung betrieben für diese kerntechnische Anlage, die ja damals sogar schon im Betrieb war. Und man ist auch in die Schulen gegangen und da bin ich drauf aufmerksam geworden. Da dachte ich – ja, Kernenergie: tolle Sache, was Neues, was Interessantes. Technisch war ich damals schon ein bisschen interessiert. Da habe ich gesagt da fährst du einfach mal hin und hörst dir das an. Und dann hatte ich ein Vorstellungsgespräch, wenn ich das mal so sagen darf. Da bin ich das erste Mal übrigens mit dem Paternoster gefahren im Verwaltungsgebäude. Das war ja dann schon 1975, ja und da haben sie mir das dann alles erklärt, was man da macht. Ich hatte auch die Möglichkeit, in Rheinsberg sein zu können, also weil da ja auch schon ein Kernkraftwerk war. Und das fand ich alles sehr interessant und da hab ich das gemacht. Und ich habe es bis heute auch nicht bereut.

Dann haben Sie ihr ganzes Arbeitsleben dort verbracht und dann wahrscheinlich auch einige Stationen durchlaufen?

Es ist so, dass ich erst mal meinen Facharbeiter gemacht habe. Dann habe ich mich weiterqualifiziert, war auch Schichtverantwortlicher über viele Jahre. Dann habe ich meinen Meisterbrief im Unternehmen gemacht und bin dann 2007 in die Unternehmenskommunikation gegangen. Dadurch hatte ich dann auch die Führungen bis ich dann im letzten Jahr 2024, aus dem Unternehmen ausgeschieden bin.

Wie hat sich der Wechsel in die Unternehmenskommunikation ergeben?

Wir hatten damals vier Schichten und somit vier Schichtverantwortliche. Und diese Schichten wurden aufgelöst. Das heißt 3 Schichtverantwortliche wurden nicht mehr benötigt, mussten sich also neue Aufgabenfelder suchen. Das haben die auch getan, es ist also keiner entlassen worden. Und ich bin dann in die Unternehmenskommunikation gegangen.

Als Betriebsratsmitglied haben Sie die Folgen der Stilllegung für tausende Mitarbeitende ganz nah erlebt. Das ist auch heute noch das erste Thema was viele in der Region mit dem Thema KKW Lubmin verbinden. Wie haben Sie das damals wahrgenommen?

Damals war ja eine sehr große Anzahl Menschen da. Das waren 10.000 Menschen, die ununterbrochen dort gearbeitet haben, davon 5.000 Betreiber und 5.000 Bauarbeiter. Dann kam der Beschluss der Stilllegung 1990 und alle Anlagen wurden stillgelegt bis Dezember 1990. Die Bauarbeiter waren dann im Prinzip von der Baustelle verschwunden. Von den Betreibern wurden über 3000 Menschen entlassen. Das war natürlich ein Einschnitt, das kann man sich vorstellen, wenn fast zwei Drittel der Belegschaft gehen müssen. Viele sind in westdeutsche Kernkraftwerke gegangen, haben da eine neue Perspektive gesucht, andere sind in ganz andere Branchen gegangen, also weg vom Standort und andere sind natürlich auch in der Region geblieben. Aber es war ein riesengroßer Einschnitt und das Schlimmste war in der Sache, wir wussten nicht, wie es weitergeht. Was für eine Zukunft haben wir? Was passiert jetzt? Ja, und dann im Jahr 1994 taten sich Zukunftsobjekte auf, also dass der Rückbau stattfindet und dass wir das mit eigenem Personal machen, das ist eine ganz, ganz wichtige Entscheidung gewesen. 1995 haben wir dann auch die Genehmigung für den Rückbau bekommen und somit hatten wir wieder eine berufliche Zukunft. Übrigens, der Rückbau einer kerntechnischen Anlage ist auch eine sehr lohnende und eine sehr ansprechende Aufgabe.

Stand der Rückbau denn zur Debatte? Ich weiß es gibt da verschiedene Möglichkeiten zur Stilllegung, man kann ja auch sagen, Deckel drauf und abwarten?

Ja, es sind verschiedene Varianten überlegt worden, die aber faktisch zu den Akten gelegt wurden mit der Stilllegung. Also mit der Stilllegung war auch der Beschluss des sofortigen Rückbaus. Es wurde also nicht irgendwie gewartet und noch irgendwelche Modelle durchgespielt, nein, der sofortige Rückbau beginnt. Und wichtig war eben mit eigenem Personal, das war wirklich sehr entscheidend. Um die Leute, die noch übriggeblieben sind, auch in Arbeit zu halten.

Ich habe den Eindruck, dass diese Zeit des Umbruchs noch lange nicht fertig besprochen worden ist. Es gab einige Versuche darzustellen, aus welchen verschiedenen Gründen es zur Stilllegung  gekommen sein könnte. Aber viele Leute blicken nach 30 Jahren immer noch recht verbissen darauf zurück und sagen, dass sei eine westdeutsche politische Entscheidung gewesen, Punkt.

Um bei der Ehrlichkeit zu bleiben, eigentlich haben wir die Kernkraftwerke stillgelegt. Weil wir eine Prüfung erreichen wollten, inwieweit die Kernkraftwerke weiterbetrieben werden, inwieweit sie nachgerüstet werden oder eben, dass es irgendwie andere Modelle gibt. Ja das war schon unser Interesse, zu wissen, wie geht es hier weiter. Aber der damalige Umweltminister Herr Töpfer hat, sag ich mal, einen Schlussstrich gezogen, mit der Stilllegung der Anlagen und dann war das eigentlich Geschichte. Das ist eine politische Entscheidung gewesen, wie es sie ja in anderen Bereichen auch gibt und ja, das hat man dann letztendlich so zu akzeptieren.

Anmerkung durch die Erhaltungsinitiative: Die Entscheidung der Stilllegung des gesamten Kernkraftwerks war ein komplizierter und langwieriger Prozess, der nicht auf der Entscheidung einer einzelnen Person beruhte. Das Schicksal der Blöcke 1-4 und 5-8 wurden getrennt betrachtet. Die von Umweltminister Töpfer in Auftrag gegebenen Gutachten der Gesellschaft für Reaktorsicherheit bescheinigten allen Blöcken einen möglichen Weiterbetrieb bzw. eine Inbetriebnahme, stellten jedoch einen umfangreichen Bedarf an Rekonstruktionen fest. Neben dieser sicherheitstechnischen Einschätzung spielte die Wirtschaftlichkeit des möglichen Betriebs eine wichtige Rolle. Das Kraftwerk selbst war durch die Abschaltung der bestehenden Blöcke in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und weder öffentliche noch private Mittel konnten für die notwendigen Arbeiten gefunden werden. Der mit der Abschaltung des ersten Blocks (Nummer 3) im Februar 1990 begonnene Prozess wurde erst im Juli 1991 endgültig durch einen Beschluss der EWN zur Stilllegung beendet.

Man kann natürlich im Nachhinein darüber diskutieren, aber wir werden da nie eine Lösung finden. Das ist ein Beschluss, dieser Beschluss wurde umgesetzt und ich wiederhole mich da nochmal, auch der Rückbau einer kerntechnischen Anlage ist eine sehr verantwortungsvolle und auch sehr lohnende Aufgabe. Also nicht, dass man jetzt denkt, mit dem Kernkraftwerk bricht eine Welt zusammen. Für den Einzelnen, der dort gearbeitet hat, mit Sicherheit, aber für den, der die Anlage nachher zurückbaut, das ist wieder eine wirklich erfüllende Aufgabe. Was ja viele, viele Mitarbeiter auch im Westen Deutschlands gemacht haben, die aus Lubmin dort hingegangen sind und den Rückbau begleitet haben.

In der Unternehmenskommunikation haben Sie diese Aufklärungsarbeit viele Jahre geleistet und den Leuten gezeigt, was sonst hinter verschlossenen Türen passieren muss nämlich die verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe des Rückbaus. Welchen Teil des Reaktorblock 6 zeigen Sie bei Ihren Führungen am liebsten vor?

Ist vielleicht verwunderlich, weil die meisten denken, jetzt hat man ein Kernkraftwerk und da steht ein Reaktor. Dann ist natürlich der Reaktor das Allerbeste und das Wichtigste und das finde ich am tollsten. Ist bei mir gar nicht so. Warum? Es ist schön, dass wir den Reaktor haben, aber wenn man ehrlich ist, sieht man nur ein ganz kleines Stück vom Reaktor. Man hat eine Luke, man braucht noch einen Spiegel, wo der Blick dann umgelenkt wird, damit man überhaupt den Reaktor sehen kann. Für den Besucher ist das natürlich beeindruckend. Aber viel beeindruckender finde ich den Geberraum. Dieser Geberraum ist wirklich ein kleiner Raum, wo unglaublich viel Technik eingebaut wurde, auch Rohrleitungen eingebaut wurden und wo man als Techniker weiß, welche Anstrengungen es gemacht haben muss, das so fertig zu stellen. Den gibt es auch noch in Dreifach-Redundanz! Und das ist für mich eigentlich der besondere Raum, wo man wirklich auch was anfassen kann. In neuen Kernkraftwerken würde dieser sogar vierfach eingebaut werden, aber da ist eigentlich genau das Gleiche drin, auch von der Funktion her, auch wenn sich das Aussehen eines Gebers in den Jahrzehnten sicherlich verändert hat.

Hartmut Schindel mit einer Besuchergruppe im Geberraum des Reaktorblock 6.

Hartmut Schindel in seinem Element, bei einer Führung im Geberraum im Reaktorblock 6. Bildnachweis: Tom Lichtenthäler

Aber das Kernkraftwerk und seine Funktionsweise zu erklären ist nur ein Teil der Möglichkeiten die man bei einem Besuch hat. Viel wichtiger ist doch, den Rückbau zu erklären. Welche Probleme gibt es beim Rückbau? Warum müssen bestimmte Dinge so oder so gemacht werden? Und das kann man in solchen Räumen idealerweise durchführen. Ich denke, der Rückbau, sollte viel mehr in den Vordergrund geschoben werden, weil das ist ja das Thema, was wir in Deutschland haben. Für uns übrigens ist ja der Weiterbetrieb von Kernkraftwerken kein Thema. Das möchte ich wirklich betonen. Also wir sind alle im Rückbau und werden ihn ja auch dann irgendwann beendet haben. Und das ist auch das Thema, was wir den Besuchern mitteilen wollen. Und das könnte man noch weiter vertiefen.

Da es im Alltag vieler Menschen kaum Berührungspunkte mit dem Thema Kernkraft gibt, gibt es viele Missverständnisse. Mit welchen Missverständnissen über Kernkraftwerke und Stilllegung müssen Sie häufig aufräumen? Ich weiß zum Beispiel, dass Sie sehr darauf bedacht sind die richtigen Begrifflichkeiten für die radioaktiven Hinterlassenschaften zu verwenden.

Ich erkläre es kurz. Also wir sehen uns ja nicht als Museumsführer oder sowas. Wir sind ja alles Techniker, die aus der Anlage kommen, in verschiedenen Bereichen gearbeitet haben und uns viele Jahre auch mit dieser Problematik Rückbau beschäftigt haben. Deswegen legen wir eigentlich großen Wert auf die Fachbegriffe. Also so wie wir uns untereinander unterhalten und jeder sich auch genau versteht, so versuchen wir das auch den Besuchern näher zu bringen. Um das Wort Atommüll als Beispiel zu nehmen, dieses Wort gibt es eigentlich gar nicht, weil es in keinem Gesetz, in keiner Verordnung, noch nicht mal in einer betrieblichen Anweisung von uns steht. Für uns ist dieser Atommüll ein radioaktiver Abfall. Den kann man klar definieren in schwach-, mittel- oder hochradioaktiv, oder in vernachlässigbar wärmeentwickelnde oder wärmeentwickelnde radioaktive Abfälle. Und dann haben wir alles erklärt und das auf einer sehr soliden fachlichen Basis. Und es ist manchmal sehr erstaunlich, wie dankbar die Besucher es aufnehmen. Also fachlich fundierte Erklärungen zu bekommen. Was jeder damit macht, ist seine Sache. Wir wollen ja keine Meinung bilden, um Gottes Willen. Diese Meinung soll der Besucher sich bilden. Und wenn wir dann erreichen, dass er uns bei dem Rückbau unterstützt, dann haben wir doch eine ganze Menge erreicht. Eigentlich sollte das ja unser aller Anliegen sein, diese Kernkraftwerke sicher zu beseitigen.

Gibt es noch weitere Missverständnisse die Sie häufig erklären müssen oder gerne aus der Welt geschafft hätten?

Ja, das Missverständnis ist: Ein Kernkraftwerk wird immer als etwas Außerirdisches gesehen. Für uns ist ein Kernkraftwerk ein Wärmekraftwerk. Also ein ganz normales Wärmekraftwerk. Und das Wasser wird ja nur durch die Kernspaltung erwärmt. Ansonsten sind da viele wärmedynamische Effekte, die dort eine Rolle spielen. Und das versuchen wir auch darzustellen. Dass man einfach mal einen Bezug zu dieser kerntechnischen Anlage bekommt. Dass man zum Beispiel auch mit Kernkraftwerken Wohnungen beheizen kann, dass das eigentlich überhaupt gar kein Problem ist, das ist ja für viele unvorstellbar. Das kann man schon. Man muss es nur wissen und man muss es erklären. Es erzeugt Strom und es erzeugt Wärme. Und da muss man sich nur entscheiden, möchte ich das oder möchte ich das nicht. Das Thema Endlagerung spielt immer eine ganz, ganz große Rolle. Brauchen wir ein Endlager? Da gibt es eigentlich immer nur eine kurze Antwort. Wenn man ein Kernkraftwerk betreibt und man gibt den Startschuss, dann braucht man ein Endlager. Da spielt die Menge der Kernkraftwerke letztendlich eine untergeordnete Rolle.

Sie erwähnten bereits, dass man Fachbegriffe ruhig erklären und Sachverhalten ordnen muss um Verständnis zu erzeugen. Wie kann man dieses gesellschaftlich umstrittene Thema am besten Vermitteln?

Also der Rückbau dieser Anlagen, das muss viel, viel besser vermittelt werden. Zum Beispiel, wenn man ältere Kernkraftwerke hat. Es gibt Materialien, die man sehr gut verwenden kann, um einen Rückbau einer Anlage durchzuführen. Und ein Material ist eigentlich das schlechteste Material, um ein Kernkraftwerk zu beseitigen: Das ist Beton. Ja, und Beton haben wir mit Abstand am meisten. Die großzügige Verwendung von Beton erklärt sich aus dem Alter der Projekte und bedeutet für den Rückbau, dass man einen riesigen Aufwand zu betreiben hat. Was wir natürlich auch machen, aber die Bevölkerung selbst ist in dieser Hinsicht fast nicht informiert. Das sind die Fehler der Vergangenheit in der Projektierung, die man heute sicherlich nicht mehr so macht, aber damit haben wir uns auseinanderzusetzen und das kann man erklären. Und da ist natürlich der Block 6 in idealer Weise geeignet. Also den gesamten Rückbau mit all seinen Facetten kann man im Prinzip im Block 6 hervorragend darstellen.

Ich versuche das auch so umfassend zu erklären, um für Verständnis zu werben. Es gibt Menschen, die denken, wir im Kernkraftwerk sind alle sehr traurig, weil es ja stillgelegt wurde. Wir haben aber einen Generationswechsel. Da sind Menschen, also eine große Anzahl – wir sind da 1040 Mitarbeiter, und davon hat mit Sicherheit schon die Mehrheit, nie ein Kernkraftwerk in Betrieb gesehen. Für die ist der Job – Entsorgung eines Kernkraftwerkes – der Job. Wie kann man das erklären? Zum Beispiel so: wenn jetzt Radioaktivität im Beton drin ist, dann stellen die das natürlich fest. Die können wirklich auf einen Quadratzentimeter bestimmen, wo es ist, können aber nicht sagen, wie es reingekommen ist. Und wir Techniker, die die Anlagen aus der Vergangenheit kennen, wir können das erklären. Und das ist eben auch das Schöne, wenn man so ein bisschen länger bei der Sache ist und das dann eben auch so umfassend erklären kann.

Ist das an dieser Stelle auch ein Zeitproblem, dass immer mehr Leute, die die Anlagen vom Aufbau oder aus dem Betrieb noch in- und auswendig kennen, Stück für Stück in Rente gehen?

Ja, die Person geht in Rente, das stimmt. Aber der Block 6 nicht. Der bleibt stehen. Das ist ja wie so ein Denkmal, sag ich jetzt mal, was da mal errichtet wurde. Und der Block erzählt selbst aus seiner Geschichte. Die Betonwände sind da. Wir haben Betonwände, die sind vier Meter stark. Und wenn der Besucher davorsteht, sagt er, wozu braucht man denn eine vier Meter starke Betonwand? Diese Fragen können dann natürlich auch die Jüngeren beantworten, weil wir ja unser Wissen auch weitergeben. Und das ist vollkommen ausreichend. Man muss auch nicht so tief in die Materie reingehen. Wir haben zum Beispiel einen Mitarbeiter, der ist der Chef der Demontage gewesen. Der könnte dann wirklich jede Einzelheit mit hoher fachlicher Genauigkeit erklären, aber für die Nicht-Fachleute bei den Führungen muss man das natürlich gut verständlich machen und das können wir in der Unternehmenskommunikation besonders gut.
Das Fachwissen ist aber beispielsweise auch schon in die Gestaltung der Besucherroute eingeflossen. Der Reaktorblock 6 ist ja als ungenutzter Kernreaktor bereits eine große Besonderheit. Einmalig macht ihn aber zusätzlich, die angelegte Besucherroute. In anderen nicht radioaktiv belasteten Kraftwerken, wie beispielsweise Zwentendorf in Österreich, gibt es keine Möglichkeit für Besucherverkehr bis zum Reaktorkern. Dafür ist ein Kernkraftwerk viel zu vollgestopft mit Technik. Erst die Einrichtung der Besucherroute schaffte die Freiräume, die nötig sind, damit Besuchergruppen das Innere des Block 6 überhaupt erfassen können. Und das Tolle ist, dass Leute, die das Kraftwerk mitgebaut und betrieben haben, selbst diese Route geplant haben. Es sind also nicht nur die auf den ersten Blick beeindruckenden Blickpunkte freigeräumt worden, sondern auf der Route zeigen die Mitarbeitenden den Reaktorblock so, wie sie ihn wahrnehmen. Und auch wenn die Leute dann nicht mehr bei uns arbeiten, bleibt uns ihr spezieller Blick erhalten.

Blick über leicht gewellten Bodden auf die Silhouette des KKW Lubmin vor einem leicht orangen Abendhimmel.

Blick vom Wampener Strand auf die Landmarke KKW Lubmin (inkl. Abluftkamin Block 5/6) Bildnachweis: Tom Lichtenthäler

Gab es früher bereits Diskussionen, den Block zu erhalten? Warum ist daraus bislang nichts geworden?

Als Betreiber hat die EWN genau eine Aufgabe: den Rückbau der gesamten Anlage. Eine Erhaltung ist schlichtweg nicht die uns vom Bund gestellte und finanzierte Aufgabe. Um den Wunsch zu erfüllen, den Reaktorblock 6 zu erhalten, braucht es also jemanden, der das aktiv verfolgt, weshalb ich sehr froh bin, dass sich nun diese Initiative zusammenfindet. Das hat in den vergangenen Jahren auf jeden Fall gefehlt. Außerdem ist natürlich eine wichtige Frage die Finanzierung eines solchen Vorhabens.
Aber dass das Interesse am Block 6 groß ist, merken wir natürlich. In diesem Jahr haben wir den Block ca. 7 000 Besuchern gezeigt. Vor Corona lagen die Zahlen sogar bei 10 000 – 12 000 Gästen jährlich! Und das ohne, dass wir Werbung dafür machen. Es sind ja nicht nur normale Besucher die kommen, also Urlauber sage ich jetzt mal. Wir haben natürlich auch Fachbesucher, Politiker und so weiter, die sich die Anlage auch mal anschauen.

Was ist der begrenzende Faktor für die Anzahl an Besucher*innen im Kernkraftwerk?

Mehr war nicht möglich. Also, wir hatten ja sogar Wochenenddienste am Sonntag, wo wir auch ständig Führungen durchgeführt haben. Wir haben einfach wirklich nicht mehr geschafft. Aber man muss sich vor Augen führen, dass die Führungen hauptsächlich durch Rentner betrieben werden. Vielleicht müsste man sich auch ein anderes Konzept als lediglich Führungen ausdenken, wenn man den Block viel mehr Menschen zeigen möchte. Natürlich ist es auch eine Frage, wie die Menschen nach Lubmin kommen sollen. Die Wiedereinrichtung der Bahnlinie wäre dafür natürlich super. Auch für viele Mitarbeitenden wäre es sehr lohnend, wenn Sie das Auto stehen lassen könnten und nicht täglich selbst zum Kraftwerk fahren müssten.

Auch in Ihrer Rentenzeit zeigen und erklären Sie das Kernkraftwerk und vor allem seinen Rückbau immer wieder, immer mehr Menschen. Was motiviert Sie dazu?

Mich motiviert, dass ich immer noch Teil der Firma bin. Ich komme mit meinem Mitarbeiterausweis an, grüße die Wache und bin einfach weiter ein Teil vom Ganzen. Überhaupt bin ich am Freitagabend in meinen Ruhestand verabschiedet worden und Montag früh stand ich wieder auf der Matte, es ist einfach schön etwas tun zu können, was einem Spaß macht und auch noch nützlich ist.

Was wünschen Sie sich für eine Zukunft für den Reaktorblock 6?

Der Reaktorblock sollte auf jeden Fall erhalten bleiben und weiter für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Ansonsten ist ein ganz persönlicher Wunsch von mir, dass der Reaktorkern selbst auch noch begehbar wird. Es gab dagegen bislang immer bürokratische Einwände, ich glaube aber: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Momentan kann man sich über einen Spiegel und eine Kamera in dieser Kammer umsehen. Wenn man auch noch da selbst hineingehen kann, hat es die Chance, doch noch mein liebster Ort im Reaktorblock 6 zu werden.

Vielen Dank für das Interview an Hartmut Schindel der auch uns durch seine Führungen für den Reaktorblock 6 faszinierte und mit der Nase auf den Verlust stieß, den ein Rückbau des Blocks bedeuten würde.


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